15 Jahre Zürser Hernienforum
Rückblick von Univ.-Prof. Dr. Gerhard Zimmermann
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich weiß nicht, ob Ihnen bewusst ist, dass das Zürser
Hernienforum heuer zum 15. Mal stattfindet, d.h. einen halbrunden Geburtstag
feiert.
Prim. Dr. Mathias Scheyer, der Initiator und Leiter des
Zürser Hernienforums, war seinerzeit mein chirurgischer Mitarbeiter an der
Abteilung für Allgemein- und Thoraxchirurgie des Akademischen Lehrkrankenhauses
Feldkirch und wurde im März 2000 zum Primarius der Chirurgischen Abteilung am
Landeskrankenhaus Bludenz berufen. Diese Funktion übt er nach wie vor mit viel
Erfolg aus.
Im Dezember 1995 haben wir uns auf seine Initiative hin zum
ersten Mal hier in Zürs zum Hernienforum getroffen. Im Verlauf der Jahre ist es
uns unter seiner Federführung – ich glaube, mit viel Eifer – gelungen, so
ziemlich alle Aspekte und Probleme der äußeren Hernien des menschlichen Körpers
und ihrer verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten zu diskutieren.
Sehr bereichernd war und ist auch die internationale
Beteiligung an unserem Forum, vor allem aus Deutschland, sowie die Mitarbeit
von Vertretern der Industrie.
Auf Wunsch von Mathias Scheyer nimmt auch ein Senior an den
Veranstaltungen teil: vielleicht um immer wieder einen Rückblick zu halten!
Themen der Vorträge und Diskussionen waren immer wieder –
stichwortartig – wie folgt:
- Leistenhernien aller Formen, ihre Pathophysiologie, offene
und endoskopische Operationsverfahren, wie Bassini-, Shouldice-,
Lichtensteinplastik, TAPP und TEP.
- Kinderhernien, Hernien bei geriatrischen Patienten, bei
Lebercirrhose und Immunosuppression.
- Sportlerhernie, Leistenschmerz, seine Ursachen und
radiologische Abklärung, Leistensonographie.
- Femoralhernie, Umbilikalhernie, seltene Hernien,
Rezidivhernien.
- Anästhesieverfahren bei Hernienoperationen, Tageschirurgie,
Krankenstandsdauer nach Hernienoperationen, Qualitätssicherung in der
Hernienchirurgie.
- Laparotomietechniken, Bauchdeckenverschluss mit und ohne
prophylaktischer Netzimplantation. Nahttechniken. Narbenhernien, herkömmliche
und laparoskopische Versorgung.
- Netzimplantate, die verschiedenen Materialien z.B.
titanisierter Kunststoff, Fragen der Netzformate und der Netzfixation.
- Biologische Antwort auf Netzimplantate und Langzeitfolgen im
Menschen.
Eine Reihe von Projekten wurde erfolgreich abgeschlossen.
1.) Empfehlungen der Konsensuskonferenz des Zürser
Hernienforums zur Leistenhernie:
Empfehlungen zur Vorgangsweise bei primärer unilateraler Leistenhernie
(unkompliziert und kompliziert: fraglicher Befund der Gegenseite), bei
bilateraler Hernie, bei Rezidivhernie.
Bei Hernien im Kindesalter, bei Jugendlichen (14. – 18
L.j.), bei Erwachsenen (ab 18. L.j.) und bei Risikopatienten (Auch geriatrische
Patienten. Bei ASA 3 – 4 und asymptomatischer medialer Hernie konservative
Therapie).
Fragen zur Anästhesie, Tageschirurgie, zur postoperativen
Rekonvaleszenzdauer und zur Leistensonographie.
Klassifikation und Stadieneinteilung nach Schumpelick et al.
(Chirurg 1991).
Die erste Fassung der Empfehlungen wurde 1999 und die zweite
Fassung 2002 fertig gestellt.
Aktuelles Anliegen ist es, die Empfehlungen der
Konsensuskonferenz an die Richtlinien der EHS (Europäische Gesellschaft für
Hernien) anzupassen.
2.) Errichtung eines Österreichischen Referenzzentrums
für Biomaterial- und Implantationspathologie:
Errichtung am Institut für Pathologie des Akademischen
Lehrkrankenhauses Feldkirch unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Felix Offner
– in Anlehnung an das Deutsche Referenzzentrum in Aachen.
Die Vorstände der Österreichischen Gesellschaften für
Pathologie und Chirurgie haben die Errichtung befürwortet.
Der Plan der Errichtung wurde am Österreichischen
Chirurgenkongress 2001 in Graz publiziert.
Die Aufgabe ist die Untersuchung und Sammlung entnommener
Netze operierter Hernien.
3.) Österreichische Multicenter-Studie betreffend die
unilaterale Leistenhernie:
Im Zeitraum August 1998 bis Dezember 2001 konnten 757
operierte Patienten – 337 randomisiert und 420 nicht randomisiert – rekrutiert
werden. Verglichen wurden die Operationsmethoden Bassini, Shouldice,
Lichtenstein, TAPP und TEP hinsichtlich Rezidiv- und Komplikationsraten. Die
Nachbeobachtungszeit betrug im Mittel 3,04 Jahre.
Die over all-Rezidivrate betrug 3,6 %, die Rezidivrate bei
Techniken ohne Netz 4,4%, mit Netz 3,2%, bei offenen Techniken 2,9% und bei
endoskopischen 5,5%. Es fanden sich keine signifikanten Unterschiede.
Komplikationen wurden intraoperativ in 3,5% aller Fälle,
postoperativ in 18% und spät-postoperativ in 12,8% beobachtet.
Die Ergebnisse wurden am Österreichischen Chirurgenkongress
2006 in Wien publiziert.
Eine weitere Publikation, und zwar über die randomisierte
Patientengruppe, folgte 2008 in der Zeitschrift „Hernia“ mit einem positiven
Kommentar von P.K. Amid vom Lichtenstein Hernia Institute in Los Angeles.
Eine der an der Multicenter-Studie teilnehmenden Kliniken
berichtete am Österreichischen Chirurgenkongress 2005 in Wien über
postoperativen Schmerz und Lebensqualität nach den 3 Operationsmethoden
Bassini, Shouldice und TAPP. Hinsichtlich postoperativen Schmerz bis zum 4. Tag
nach dem Eingriff schnitt die Shouldice-Plastik am schlechtesten ab.
4.) Österreichweite Umfrage zur
Narbenhernienrekonstruktion:
An die 140 chirurgischen Abteilungen in Österreich wurden
zur Jahrtausendwende Fragebögen zur Erhebung von Inzidenz und
Behandlungstechniken bei abdominellen Narbenhernien und Rezidivnarbenhernien
versandt. 51 Abteilungen retournierten die Schreiben vollständig ausgefüllt.
Die Inzidenz von Narbenhernien wird in der Literatur mit
durchschnittlich 10 % angegeben, die Häufigkeit nach medianen Laparotomien
übersteigt mit bis zu 15 % die bei queren Laparotomien um mehr als das
Doppelte.
In einem Jahr wurden an den genannten Abteilungen 12.632
mediane und 3.811 quere Laparotomien ausgeführt. Narbenhernien waren nach
medianen Laparotomien nur geringfügig häufiger, Rezidivnarbenhernien jedoch
wesentlich häufiger als nach queren Laparotomien. Zum operativen Verschluss der
Narbenhernien wurden zu etwa je 1 Drittel der einfache Faszienverschluss, die
Fasziendoppelung nach Mayo und die Implantation von alloplastischem Material,
vor allem Prolene, herangezogen. Lediglich bei Rezidivhernien wurde letzteres
häufiger eingebracht.
Die laparoskopische Narbenhernienrekonstruktion wurde damals
– obwohl vielversprechend – trotz der wesentlich geringeren Rezidivhäufigkeit
sehr selten angewandt.
Die Narbenhernienchirurgie stellt in Österreich
offensichtlich ein unbefriedigend und uneinheitlich gelöstes Problem dar.
Die Ergebnisse der Umfrage wurden am Österreichischen
Chirurgenkongress 2000 in Alpbach in Tirol publiziert.
Aktuell ist eine Umfrage zu den 10-Jahresergebnissen der
damaligen 51 Abteilungen geplant.
Meine Damen und Herren!
Wie Sie sehen und wie eingangs erwähnt, wurden die
einschlägigen Themenkreise im Verlauf der letzten 15 Jahre ausgiebig und quasi
flächendeckend bearbeitet.
Die Vorträge und Diskussionen waren von großem
wissenschaftlichen Engagement, beachtlichem Innovationsdrang sowie besonderem
chirurgischen Wissen und Können geprägt.
Das Zürser Hernienforum genießt mittlerweile hohes Ansehen,
weit über die Grenzen Österreichs hinaus. Das ist allen Teilnehmern, besonders
dem harten Kern der seit 15 Jahren ständigen Mitgliedern in unserem Forum zu
danken.
Danken möchte ich auch den teilnehmenden Vertretern der
Industrie und den Sponsoren für ihre 15-jährige Unterstützung, ohne die das
Zürser Hernienforum nicht denkbar wäre!
Meine spezielle Hochachtung gilt aber Dir, lieber Mathias,
für Deine unermüdlichen Anstrengungen, das Hernienforum jedes Jahr erneut organisatorisch
und inhaltlich so vielseitig und erfolgreich zu gestalten.
Mein Dank ist verbunden mit dem Wunsch, dass wir uns auch in
den nächsten Jahren mit dem gleichen Enthusiasmus im Dezember in Zürs wieder
sehen!